KI ist kein Orakel – sie ist unser Taschenrechner
KOMMENTAR VON DR. SEBASTIAN NADERER
Sebastian hat summa cum laude zum Thema Behavioral AI promoviert & zählt zu den weltweiten Vorreitern auf dem Gebiet verhaltensbasierter Sprachmodelle (Behavioral LLMs). Sebastian ist CEO der reflct GmbH (München), Founder der datrion GmbH (London) sowie Shareholder und Mitglied des Advisory Boards der WeR Technology AG (Zürich) sowie der Core-V AG (Basel).
Wir neigen dazu, Künstliche Intelligenz entweder zu überschätzen oder zu unterschätzen. Für die einen ist sie der große Heilsbringer, für die anderen eine diffuse Bedrohung. Doch vielleicht hilft ein einfacheres, nüchterneres Bild: KI ist wie ein Taschenrechner. Ein mächtiges Werkzeug – aber eben nur ein Werkzeug.
Ein Taschenrechner liefert in Sekunden Ergebnisse, für die wir früher mühsam rechnen mussten. Aber wer ihn blind benutzt, ohne die Logik dahinter zu verstehen, wird Fehler nicht erkennen. Wer 2 + 2 eingibt und 5 herausbekommt, muss wissen, dass etwas nicht stimmt. Genau hier liegt der entscheidende Punkt für den Umgang mit KI. Sie verlangt von uns nicht weniger Denken, sondern mehr. Wir müssen verstehen, warum wir eine Frage stellen, welche Annahmen wir treffen und ob das Ergebnis plausibel ist.
KI ist kein Ersatz für Urteilskraft. Sie ist eher ein Übersetzungstool zwischen Komplexität und Verständlichkeit. Sie kann Daten verdichten, Muster aufzeigen, Ideen strukturieren. Aber sie entscheidet nicht, was richtig, sinnvoll oder verantwortungsvoll ist. Das bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe. Gerade für ein intelligentes Entscheiderpublikum liegt darin eine stille Herausforderung. Die Gefahr besteht nicht darin, dass KI falsche Antworten liefert. Die größere Gefahr ist, dass wir aufhören, Fragen zu stellen. Wer Ergebnisse ungeprüft übernimmt, delegiert nicht nur Arbeit, sondern Verantwortung. Und Verantwortung lässt sich nicht automatisieren.
Richtig verstanden, kann KI uns jedoch etwas Wertvolles schenken: Zeit. Zeit, die wir nicht mehr für repetitive Analysen, erste Entwürfe oder das Durchforsten von Informationen aufwenden müssen. Zeit, die frei wird für das, was Maschinen nicht leisten können – für Einordnung, für Reflexion, für strategisches Denken, für moralische Abwägungen. Die entscheidende Kompetenz der Zukunft wird daher nicht sein, KI zu bedienen, sondern sie bewusst einzuordnen. Wer weiß, was er eingibt, warum er es eingibt und wie das Ergebnis ungefähr aussehen müsste, der bleibt handlungsfähig. Wer das nicht tut, wird abhängig oder gar überflüssig.
KI ist kein Genie. Sie ist ein Verstärker. Und wie jeder Taschenrechner macht sie uns nur dann besser, wenn wir selbst wissen, was wir tun.